Vitozza: die geheimnisvolle Höhlenstadt

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Eine ausgestorbene Stadt in der Südtoskana. Komplett aus dem Tuffstein geschnitten. Mit höhlenartigen Behausungen. Das können nur Etrusker gewesen sein? Oder doch Steinzeitmenschen?

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

Ganze Städte, die komplett aus dem Tuffstein gemeißelt wurden: Wer sich in der Maremma auskennt, wird dies ganz normal finden. Schließlich sind etliche Keller- und Lagerräume in Pitigliano und Sorano ganz einfach in den Untergrrund aus Tuff gegraben worden. Und dann gibt es die etruskischen Nekropolen wie in Cerveteri oder Sovana: ausgedehnte Totenstädte mitsamt Häusern und Straßen – ebenfalls komplett aus dem Tuffstein herausgearbeitet und somit mehr bildhauerischen Kunstwerken ähnlich als Bauwerken. Und ironischerweise nicht als Wohnhäuser, sondern als Gräber genutzt.

Auch die Stadt Vitozza besteht aus Tuffstein. Der große Unterschied zu den etruskischen Nekropolen: Vitozza war keineswegs eine Totenstadt, sondern ein äußerst belebtes Zentrum. Zu seinen besten Zeiten zählte Vitozza 7.000 Einwohner – und damit wesentlich mehr als etwa Pitigliano heute. Der große Unterschied zu Pitigliano oder Sorano: Heute ist Vitozza völlig ausgestorben und trägt daher den Beinamen „la città perduta“ (die verlorene Stadt). Die Häuser der Bewohner gibt es aber sehr wohl noch: Hunderte von Wohnungen reihen sich aneinander, frei zugänglich und überraschend intakt. Wüsste man es nicht besser, würde man sie für Höhlen von Steinzeitmenschen halten. Bei Betreten dieser Wohnhöhlen erkennt man allerdings Sitzgelgenheiten, Stauräume und andere „Einrichtungsgegenstände“. Denn hier lebten keineswegs Steinzeitmenschen. Vitozza war eine mittelalterliche Stadt, sogar eine ziemlich bedeutende.

Straße in Vitozza, Maremma, Toskana

Entlang der alten Ringstraße …

Wohnhöhlen in Vitozza, Maremma, Toskana

reiht sich Mietwohnung an Mietwohnung

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

… oft zweigeteilt in Wohnbereich und Stall.

Dicht besiedelt und stark umkämpft

Um 1200 hatte die Stadt ihre Blütezeit mit besagten 7.000 Einwohnern. Vitozza war heiß begehrt wegen seiner Hügellage und des fruchtbaren Umlands (entgegen ihrem Ruf war die Maremma nicht nur unwirtliches Sumpfland). So mussten ihre Herrscher, zuerst die Adelsfamilie Aldobrandeschi, später die Orsini, die Stadt immer wieder gegen Angriffe von Orvieto und Siena verteidigen. Irgendwann hatten die Einwohner genug von den ständigen Kampfhandlungen und verließen in immer größerer Zahl ihre Heimat; um 1400 war Vitozza nahezu entvölkert. Dennoch bestand die Stadt mit ausgedünnter Bevölkerung noch einige Zeit fort: Im 18. Jahrhundert ist belegt, dass noch 15 Familien dort lebten. Eine Frau harrte sogar bis Ende desselben Jahrhunderts aus: eine als Hexe verschriene Dame namens Agostina, die als offiziell letzte Bewohnerin Vitozzas gilt. Ihre Höhle bzw. Wohnung kann besichtigt werden und ist sogar einer der am besten erhaltenen.

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

im Inneren einer Wohnhöhle

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

„Herrgottswinkel“ in der Höhle von Agostina, angeblich der letzten Bewohnerin von Vitozza

Eine natürliche Festung

Wenn man heute von San Quirico (Ortsteil von Sorano) aus das ehemalige Stadtgebiet von Vitozza betritt, findet man sich in einem perfekten Idyll wieder: Macchia und dichter Wald umwuchern die ehemaligen Wohnungen Vitozzas, deren Eingänge sich immer wieder zwischen dem Grün auftun. Im Prinzip besteht die Stadt aus einer langen Ringstraße, an der sich die Höhlen-Wohnungen aneinanderreihen, sowie einer über die Tuffhöhlen gebauten Oberstadt. Letztere wies ursprünglich drei Festungen zur Verteidigung auf, von der noch zwei als Ruinen zu besichtigen sind. Zu sehen ist außerdem eine Kirche, die zwar ebenfalls eine Ruine ist, aber offensichtlich einst mächtige Ausmaße hatte. Zusätzlich zu den drei Burgen war Vitozza natürlicherweise durch seine Lage vor Angriffen geschützt. Ähnlich wie in Pitigliano hatten sich auch hier zwei Flussarme tief in den Tuffstein gegraben und einen steil aufragenden Sockel dazwischen stehengelassen, auf dem (oder besser: in den) die Stadt gebaut wurde.

Burg von Vitozza, Maremma, Toskana

eine der Burgruinen von Vitozza

Kirchenruine "Chiesaccia" in Vitozza, Maremma, Toskana

Reste der größten Kirche der Stadt

Mietpreis: 200 Kilo Weizen

Die in den Tuff gegrabenen Behausungen waren nichts anderes als Mietwohnungen. Wie heutige Mietwohnungen ähneln sie sich untereinander, manche größer, manche kleiner, manche etwas komfortabler, manche etwas bescheidener. Die Fassaden sind nicht erhalten, sodass sich in den meisten Fällen unmittelbar die riesigen Räume auftun. Viele Behausungen sind zweigeteilt mit Wohnräumen auf der einen und Ställen auf der anderen Seite. Außerdem sind einige luxuriösere Exemplare erhalten, etwa eine zweigeschossige Wohnung mit interner Treppe zur Verbindung von Unter- und Obergeschoss. Das Praktische am Tuffstein: Er lässt sich sehr leicht bearbeiten, sodass man Räume beinahe beliebig tief ins Gestein erweitern oder anfügen kann. Ebenso war das Einziehen von Regalen oder Stauraum für Lebensmittel und Tierfutter keine große Herausforderung. Eine Standard-Wohnhöhle hatte daher eine Bauzeit von lediglich einer Woche. Man kennt sogar noch den Mietpreis: 200 Kilogramm Weizen pro Jahr.

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

in den Tuff gegrabene „Möbel“

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

Wohnhöhle in Vitozza, Maremma, Toskana

Eingang zu einer der komfortableren Behausungen

Taubenzuchthöhle in Vitozza, Maremma Toskana

Taubenzuchthöhle

Höhlen zur Taubenzucht

Außer den Wohnungen sind noch Werkstätten wie Gerbereien oder Weinkellereien erhalten. Letztere sind leicht an dem System an Wannen zu erkennen, in denen die Trauben mit den Füßen zerstampft wurden, um den herausgequetschten Saft in ein versetzt darunter liegendes Gefäß fließen zu lassen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die „colombari“. Hierbei handelt es sich um Taubenzuchthöhlen – die Tiere waren ein wichtiger Fleischlieferant. Die Nischen des Taubenschlags wurden einfach in den Tuff gehauen, wie man sich denken kann.

Wandern im Märchenwald

Nach der Besichtigung von Vitozza sollte man unbedingt den Umstand nutzen, dass man sich in einem wunderschönen Wandergebiet befindet. Wir sind nach der Besichtigung zum Fluß Lente hinuntergestiegen und selbigen ein Stück entlanggewandert. Die Lente plätschert über Steine, ergießt sich in einem kleinen Wasserfall und schlängelt sich durch eine Landschaft, die stark an einen von Elfen und Trollen behausten Märchenwald erinnert. Die mittelalterlichen Aquädukte zur Wasserversorgung sind entlang des Gewässers immer wieder sichtbar, wenn auch die Vegetation deutlich von ihnen Besitz ergriffen hat. An einer Stelle staut sich die Lente zu einem veritablen Schwimmbecken auf – die perfekte Gelegenheit, sich im kühlen Wasser von der Wanderung zu erfrischen.

Fluss Lente bei Vitozza, Maremma, Toskana

Wanderung am idyllischen Flusslauf der Lente

Aquädukt bei Vitozza, Maremma, Toskana

ein altes Aquädukt

Fluss Lente bei Vitozza, Maremma, Toskana

natürliches Schwimmbecken am Lente-Fluss

Fluss Lente bei Vitozza, Maremma, Toskana

Infos: Vitozza – la città perduta

  • Parken in San Quirico di Sorano, dort ist der Fußweg nach Vitozza ausgeschildert
  • durchgehend geöffnet, Eintritt frei
  • Besichtigungszeit: ca. 2,5 Stunden (ohne anschließende Wanderung – wir waren insgesamt rund 5 Stunden unterwegs)
  • Besichtigung ohne Führung möglich. Wir waren allerdings mit Guide Giada sehr zufrieden. Kontakt zur Buchung von Führungen:
    Parco Archeologico “Città del Tufo”
    Tel. 0039 0564 614074
    E-Mail: info@leviecave.it
    Website

 

 

 

 

Lage:

Fotos: Tiziano Coli und Tiziana Lucentini-Fleschhut

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