Manciano: Ausguck der Maremma – und sonst?

Pitigliano hat seine spektakuläre Skyline, Montemerano seine bezaubernde Altstadt, Orbetello seine einzigartige Lage – und Manciano? Auf den ersten Blick gibt es nicht viel zu sehen, auf den zweiten umso mehr.

Manciano, Maremma, Toscana
das Wahrzeichen von Manciano: der Cassero

„Spia della Maremma“, Ausguck der Maremma, wird Manciano genannt. Einen schönen Blick hat man also von dem auf einem Hügel thronenden und von weither sichtbaren Dorf. Denn obwohl Manciano 30 Kilometer von der Küste entfernt liegt, eröffnet sich von der 444 Meter hoch gelegenen Altstadt eine herrliche Aussicht auf das Meer. Besonders von der Terrasse der Bar Bellavista (Via Circonvallazione Sud 10) bietet sich ein fantastischer Blick auf die Küste zwischen Monte Argentario und Talamone.

Alles überragend: die Burg von Manciano

Doch was gibt es sonst zu sehen in Manciano? Mit berühmten Gebäuden kann der Ort leider nicht aufwarten. Und auch eine Aufnahme unter die „borghi più belli d’Italia“, die offiziell schönsten Dörfer Italiens, wurde ihm bislang nicht zuteil. Obwohl die Altstadt durchaus typisch toskanischen Charme versprüht – mit engen, steilen Gassen und abenteuerlich an den Hügel gebauten Häuschen.

Das markanteste Gebäude ist der Cassero, die Burg am höchsten Punkt des Dorfs. Auch von hier genießt man ein wunderschönes Panorama. Der Cassero geht auf die Aldobrandeschi zurück, eine Familie von Feudalherren, welche im Mittelalter den Großteil der Maremma beherrschte. Im 15. Jahrhundert übernahmen die Sieneser die Macht und gestalteten die Burg um – noch deutlich zu erkennen an den Spitzbögen, die sich über so manche Tür spannen und charakteristisch für den Baustil der Republik Siena sind. Heute sind im Cassero die Gemeindeverwaltung untergebracht sowie ein Museum über die Vor- und Frühgeschichte der Gegend.

Als das Wasser ins Dorf kam …

Zu Füßen des Cassero: die Piazza Garibaldi mit einem kunstvollen Brunnen in ihrer Mitte. Eine Inschrift weist 1913 als Baujahr aus. In diesem Jahr wurde das Äquadukt fertiggestellt, welches Manciano eine zeitgemäße Wasserversorgung ermöglichte. Und zur feierlichen Einweihung wurde eben der Brunnen errichtet. Das Mancianeser Wasser stammt bis heute von derselben Quelle aus Santa Fiora. Die Reliefs in der Mitte des Brunnens stellen auf einer Seite einen ausgetrockneten Brunnen dar, auf der anderen Seite eine blühende Landwirtschaft dank des jetzt üppig vorhandenen Wassers.

Heimat der Linkshänder?

Außerdem ist das Wappen Mancianos auf dem Brunnen abgebildet, welches eigenartigerweise eine Hand darstellt. Dieses etwas rätselhafte Symbol hängt mit dem Namen des Dorfs zusammen: Alle Orte der Maremma, die auf „-ano“ enden, verdanken ihren Namen ihrer Gründerfamilie: So war etwa Pitigliano der Ort der Familie Pitiglia oder Scansano die Heimat der Scansia. Manciano leitet sich von der Familie Mansia ab. Doch die Namensherkunft geriet über die Jahrhunderte in Vergessenheit, und als Manciano sein eigenes Wappen gestalten wollte, musste man erfinderisch werden. Da Manciano wie „Mancino“ (Linkshänder) klingt, wählte man eine linke Hand als Zeichen für das Wappen. Kurioserweise wurde aus der linken sogar irgendwann eine rechte Hand, welche heute das Wappen ziert.

Mancianos berühmtester Sohn

An die Piazza Garibaldi grenzt ein kleiner, hübscher Park. Dort haben die Mancianesi ihrem wohl prominentesten Bürger ein Denkmal errichtet: dem Maler Pietro Aldi. Dieser lebte im 19. Jahrhundert und war für die Darstellung historischer Begebenheiten bekannt. Eines seiner Werke ist sogar im Palazzo Pubblico von Siena zu sehen. Auf der anderen Seite der Piazza Garibaldi geht es in die Via Curtatone, wo eine steinerne Hinweistafel Pietro Aldis Geburtshaus markiert.

Überraschende Details in der Altstadt

Von dort aus spaziert man durch die herrlich ruhigen Gassen des Ortskerns. Wer dabei die Augen offenhält, entdeckt eine ganze Reihe hübscher Details. Etwa den schönen Uhrenturm, auf dem die erste Uhr des Dorfs prangt (die Osteria l’Orologio gleich daneben in der Via Leonardo Madoni 7 ist übrigens exzellent). Oder die ehemaligen Geschäfte im Jugendstil in der Via Roma, seit jeher eine der Hauptachsen der Altstadt: darunter die „Macelleria“ (Metzgerei) mit zwei Kuhhörnern am Eingang als witziges Erkennungszeichen.

Ebenfalls in der Via Roma: ein Fenster mit darüber angebrachtem Flaschenzug, um sich aus dem öffentlichen Brunnen bequem das Wasser in den ersten Stock zu holen. Das Fensterbrett hat offenbar unter dieser behelfsmäßigen Konstruktion gelitten, denn die Rillen, die das Seil in den Stein gegraben hat, sind deutlich zu sehen. In der Via XX Settembre entdeckt man über einer Tür ein mittelalterliches Basrelief, das bei der Renovierung des Hauses entdeckt wurde. Dankenswerterweise wurde die Stelle beim Verputzen der Außenwand ausgespart, sodass das kleine Kunstwerk erhalten blieb. Auch die Türme, welche einst Teil der Stadtmauer waren, ragen hier und da noch zwischen den Häusern hervor – sie sind inzwischen selbst zu Behausungen geworden und wurden dazu mit zusätzlichen Fenstern ausgestattet. Nicht zuletzt sind Inschriften über etlichen Fenstern erhalten, die selbstbewusst die Namen der ursprünglichen Hausbesitzer verkünden.

Erst Loggia, dann Kirche

Kurz außerhalb der Altstadt lohnt sich der Besuch der kleinen, an der Via Circonvallazione Sud (nahe des Kreisverkehrs) gelegenen Chiesa Santissima Annunziata. Die auf den ersten Blick unscheinbare Kirche offenbart bei einem genaueren Blick auf die seitliche Außenwand eine abenteuerliche Entstehungsgeschichte. Anhand der Bogengänge lässt sich erkennen, dass das Gebäude ursprünglich eine Loggia, also eine offene Markthalle, war, die geschlossen und zum Kirchenschiff umfunktioniert wurde. Im Inneren begegnet dem Besucher Pietro Aldi wieder. Er schuf das an der Seitenwand befindliche Gemälde, das die „Annunciazione“ (Mariä Verkündigung) darstellt. Hinter dem Altar sind zudem Fresken unbekannter Künstler aus dem 15. sowie 18. Jahrhundert erhalten.

Wer sich nach dem Dorfspaziergang mit müden Füßen und Augen nach einem Cappuccino oder einem Aperitivo sehnt, dem sei die Bar La Combriccola (Via Marsala) empfohlen.

Grazie mille an den Historiker Massimo Cardosa, der uns bei einem Rundgang durch Manciano all diese interessanten Details enthüllt hat!

Toskana-Spezialitäten (Foto: Passione Toscana)

Food & Wine Tour in Manciano

Tingelt mit einer Einheimischen durch Vinotheken und Feinkost-Läden!

Lage von Manciano in der Toskana

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